11. Oktober 2022

Um die Zukunft betrogen - Lost Place BUNA-Klubhaus X50


In Sachsen-Anhalt waren die BUNA-Werke zu DDR-Zeiten ein großer Arbeitgeber. Und wie so ziemlich jeder richtig große Betrieb hatte man hier auch ein eigenes Klubhaus. Das Haus hatte den Namen "Haus der Freundschaft". Bekannt war es aber auch unter X50 oder BUNA-Klubhaus. 1998 war die Schließung des Hauses. Zweimal wäre es fast wiederauferstanden - aber jedes Mal scheiterte die Wiederbelebung.




Aber kommen wir erstmal zur Entstehung dieses doch sehr großen Bauwerkes. Erbaut wurde das Kulturhaus für die ca. 20.000 Arbeitenden der BUNA-Werke in den Jahren 1952 bis 1953 im Stil des Sozialistischen KlassizismusGestiftet wurde das Projekt von der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, nachdem Sowjetische Offiziere den Bau an sich beschlossen. Immerhin firmierten die BUNA-Werke zu dieser Zeit als Sowjetische Aktiengesellschaft. Und auch die Leitung des Baus erfolgte unter sowjetischer Federführung durch die Werksarchitekten Hauser und Reinhardt. Es war übrigens der erste Klubhausbau dieser Art auf dem Gelände der DDR.

Eröffnet wurde das BUNA-Klubhaus am 11. Oktober 1953. Bekannt ist das Haus auch unter dem Namen "X 50". Diese Bezeichnung stammt aus der betriebsinternen Gebäuderegistratur, hat sich aber dennoch im Volksmund durchgesetzt. Den eigentlichen Namen "Haus der Freundschaft" nutzte kaum jemand.

Nach Eröffnung wurde das Gebäude noch erweitert, so dass dazu auch noch eine Gaststätte mit etwa 200 Sitzplätzen kam. Weitere Funktionsräume folgten. Im Jahre 1958 waren in dem Bau um die 100 Räume, welche für verschiedenste Aktivitäten im Rahmen von Freizeitgestaltung und Festen genutzt wurden.

Der große Theatersaal hatte eine Kapazität von 750 Sitzplätzen, der Konzertsaal bot 250 Sitzplätze. Die eingebaute Bühnentechnik zählte zu der modernsten in der gesamten DDR.

Gastiert haben in dem BUNA-Klubhaus zu DDR-Zeiten diverse bekannte Ensembles wie das Bolschoi-Theater, die Mailänder Scala und das Königlich-Schwedische Ballett Stockholm. Auch Einzelkünstler hatten hier ihre Auftritte, u. a. Ernst Busch und Helens Weigel.

1998 wurde das Klubhaus dann geschlossen. Damit ereilte dieses - heute unter Denkmalschutz stehende Gebäude - das gleiche Schicksal wie viele andere Klubhäuser in der ehemaligen DDR. Aber das war noch nicht das Ende - denn zwei Mal wäre das riesige Kulturhaus fast wiederauferstanden.

Der Erste, der dem Haus wieder Leben einhauchen wollte, war ein ziemlich erfolgreicher Geschäftsmann, der u. a. schon das Leipziger Haus Auensee wieder zu neuem Leben erweckte. Auch in der halleschen Schorre mischte er erfolgreich mit. Genannt wurde er auch der Sonnenkönig und wo er auftauchte, gab es wohl nie Probleme, sondern nur Lösungen. Ob diese immer optimal und korrekt waren, sei mal dahingestellt.

Als Investor und Diskothekenbetreiber aus Halle wollte Martin Niemöller auch in Schkopau groß einsteigen und die Pop-Arena X 50 erschaffen. Allerdings wurde der genehmigte Fördermitteantrag vom Land Sachsen-Anhalt zurückgezogen, da wohl in der Antragstellung nicht ganz klar gemacht worden war, dass hier eine Großdisko entstehen soll. Sowas war nicht förderfähig, wie ein Gutachten des Wirtschaftsministeriums ergab. Beantragt war wohl ursprünglich ein multikulturelles Veranstaltungszentrum. Niemöller sollte 4,8 Millionen an Fördergeldern zurückzahlen, wie die Mitteldeutsche Zeitung schrieb. Als der Antrag auf Fördermittel 2002 gestellt wurde, hatte die SPD-Landesregierung wohl einen anderen Beurteilungsspielraum oder eben Unkenntnis vom tatsächlichen Bauvorhaben. Wie dem auch sei, der Geldhahn wurde zugedreht und die Fördergelder zurückgefordert.

Die gescheiterte Investition bedeutete das Ende des Disco-Imperiums des Sonnenkönigs. Wie die Mitteldeutsche Zeitung im Jahr 2005 schreibt, war Niemöller wohl auf der Flucht, landete letztlich aber doch im Gefängnis und vor Gericht. Zwei Jahre und neun Monate lautete das Urteil, wobei Niemöller die Reststrafe als Freigänger verbüßen konnte und als Immobilienmakler arbeitete. Um das Jahr 2011 herum stieg er dann in einer Solardach-Firma ein - aber auch das ging ziemlich nach hinten los. Für das BUNA-Klubhaus brachte der Sonnenkönig auf jeden Fall keine sonnigen Zeiten und so stand es wieder als Ruine da und verfiel weiter vor sich hin.

Im Jahr 2014 ein neuer Hoffnungsschimmer. "Auferstanden aus Ruinen?" titelt die Lokalpresse. Das Fragezeichen hinter der Überschrift war - wie man heute weiß - nicht ganz fehl am Platze. Die Ruine, welche mittlerweile so ziemlich ausgeschlachtet war und das insgesamt 25.000 Quadratmeter große Areal, welches überwuchert war, sollte unter den Hammer kommen. Am 16.11.2014 fand der Termin zur Zwangsversteigerung am Amtsgericht Merseburg statt. Mindestgebot waren 19.652,31 Euro, sich ergebend aus Steuerforderungen und Gerichtskosten.

Für 30.000 Euro ging das BUNA-Klubhaus an die Firma Asoposa Deutschland GmbH aus Berlin. Damit hatte keiner gerechnet. Eigentlich hatte niemand damit gerechnet, hier überhaupt einen Zuschlag zu erteilen. Der damalige Bürgermeister äußerste sich in der Presse, dass er ein mulmiges Gefühl habe, der neue Eigentümer Jörg-Rene Schmidt mit der Asoposa aber eine Chance verdient hätte. Und nicht mal 3 Jahre später zerschlug sich auch hier wieder sämtliche Hoffnung.

Im sachsen-anhaltinischen Zeitz (wo Herr Schmidt noch einen Lost Place besitzt) wurde der Eigentümer des X 50 verhaftet und in Untersuchungshaft genommen. In seiner Heimat Saarbrücken lief nämlich ein Strafverfahren wegen Steuerhinterziehung. Es soll wohl um rd. 200.000 Euro gegangen sein. Schmidt bekam 16 Monate auf Bewährung. Am BUNA-Klubhaus hatte sich zwischenzeitlich nicht viel getan, außer dass die unteren Fenster gesichert wurden. Ansonsten war die Ruine nach wie vor leer und wartete auf bessere Zeiten. Im Gelände holte sich die Natur ihr Terrain zurück.

2018 war dann von einer weiteren Zwangsversteigerung zu lesen. War der Verkehrswert zuletzt wohl noch bei den 30.000 Euro gelegen, bezifferte ein erneutes Gutachten diesen jetzt auf 0 Euro. Zur Versteigerung kam es dann doch nicht, da die Denkmalschutzbehörde einschritt. Das Gebäude sei gesichert und es gibt einen Eigentümer. Ob der Eigentümer noch Schmidt heißt, ist mir nicht bekannt. Im Jahr 2020 war dann aber zu lesen, dass es immer noch Gespräche zwischen Bürgermeister und Schmidt gäbe. Demnach scheint die Immobilie wohl nicht wieder den Besitzer gewechselt zu haben.

Von der Bauaufsichtsbehörde ist zu vernehmen, dass das Haus in einem nicht baufälligen Zustand sei. Dies widerspricht aber wohl der Prognose der Oberen Denkmalschutzbehörde. Immer noch ist das Gebäude ein Baudenkmal und wird unter der Erfassungsnummer 094 20861 im örtlichen Denkmalverzeichnis geführt.

Dass das Gebäude relativ gut in Schuss ist, ist tatsächlich nicht von der Hand zu weisen. Das was eingebrochen ist, wurde wohl im Rahmen der Entkernung getan. Das Gebäude ist nämlich auch ziemlich leer geräumt. Vereinzelt gibt es noch Lampenhalterungen und Türen, aber die ganzen Kabel und Schalter sind größtenteils auch entfernt.


Selbst im Keller gibt es nicht die geringsten Anzeichen von wirklichen Feuchtigkeitsproblemen. Rost ist zwar an der Technik der spektakulären Drehbühne im Keller zu erkennen, aber nach der Zeit würde es in manch anderem Gebäude schlimmer aussehen.



Die Innentreppen aus Beton sind in einem sehr guten Zustand und auch die Wände stehen - ohne Risse und trocken. Die zahlreichen Holzfenster des Gebäudes wurden im Erdgeschoss alle entfernt und liegen mitten in den Räumen aufgetürmt. Rasengitterplatten sind an ihre Stelle getreten und sorgen somit zumindest für eine gute Durchlüftung des Gebäudes - keine dumme Idee. Die großen gläsernen Türen stehen meist offen - da sind nur noch die Holzrahmen und an manchen Türen die zarten Gitterstäbe zu sehen - völlig entglast. Die Scherben liegen auf dem Boden herum. Aber gut, das ist bei einem solchen Platz auch nicht anderes zu erwarten. Ist ja eher die Seltenheit, dass man einen Lost Place dieser Größe mit völlig intakten Scheiben - egal ob außen oder innen - vorfindet.



Es riecht auch nirgends im Gebäude nach Fäkalien, Schimmel oder sonstigen unangenehmen Dingen. Es gibt auch im Gebäude kaum Müll und was ebenfalls verwundert keinen Bewuchs. Oft ist ja so in den Lost Places, dass dann auch mal mitten aus einem alten Teppich oder in einer kleinen Mauerritze Gras oder sonstiges Grün sprießt. Hier findet man sowas gar nicht.

Im großen Theatersaal hört man die Tauben gurren, die im Dachbereich zu leben scheinen. Aber der Boden im Saal ist nicht übersät mit Taubenkot. Selbst die sonst doch alles vollkackenden Tiere scheinen sich hier manierlich zu benehmen. Das Gurren der Tauben ließ uns auch ein paar Mal aufhorchen - es klang tatsächlich erst einmal so, als ob sich jemand unterhält. Bei längerem Zuhören erkannte man aber, dass die Vögel diese Geräusche machen. Was es mit der Deckenkonstruktion  im Theatersaal genau auf sich hat, hab ich noch nicht so ganz verstanden. Es ist an den Wänden groß drangeschrieben, dass man die Decke nicht betreten soll, da Lebensgefahr herrsche. Wenn man nach oben schaut, leuchtet das auch ein - da sind immer mal ein paar Vierecke offen und die Decke scheint nur eine Ziegelhöhe dick zu sein. Aber was kommt dann obendrüber und weshalb diese doppelte Decke? Betrachtet man das Gebäude von außen, scheinen über der Decke wohl nochmal kleine Fenster zu sein und dann ein intaktes Dach - zumindest regnet es nicht rein. Interessante Konstruktion auf jeden Fall - hätte man sich damals in Betrieb noch anschauen sollen, um vielleicht aus den verbliebenen Resten schlau zu werden.


Im Außenbereich türmen sich Bauschutt und trockenes Geäst. Hier ist auch zu sehen, dass schonmal gezündelt wurde. Leere Kanister mit irgendwas liegen rum, Schuhe und auch Müll. Ein Gullideckel fehlt - so dass man hier im Dunkeln nicht langlaufen sollte. Das Gebäude ist ringsherum fast vollständig zugewachsen - vom ehemaligen Haupteingang mit mehreren Türen sieht man nichts mehr.

Kommt mit auf einen knapp 15minütigen Video-Rundgang im und ums Gebäude - lasst Euch faszinieren von diesem riesigen Kulturhaus, welches wohl leider seine besten Zeiten hinter sich hat.


Im Inneren haben die Graffiti-Sprayer ganze Arbeit geleistet. Von banalen Buchstaben-Schmierereien über kluge Sprüche bis hin zu richtigen Kunstwerken - das Gebäude könnte sich zu einer kleinen Streetart-Ausstellung mausern. An einer Stelle roch man noch die frische Farbe, welche mit der Spraydose auf die Wand aufgebracht wurde. Und es gibt noch ein paar freie Plätze an den Wänden. Auch wenn viele Urbexer die Graffiti verdammen. In Gebäuden, wo eh schon alles entkernt ist, haben sie meiner Meinung nach ihren berechtigten Platz. Wo sollen die Leute sonst auch hin mit ihrer Kreativität? Das ist doch im BUNA-Kulturhaus der perfekte Ort.  Ich mag es, wenn in solchen Ruinen künstlerisch wertvolle Graffiti an den Wänden sind. Sie sind oft ein Statement, aber auch oft wirklich Kunst. Deshalb möchte ich Euch auch ein paar hier in Bildern zeigen, die mir persönlich gut gefallen haben.

Quellenhinweis: Für meine Recherchen habe ich neben Wikiwand.com auch Artikel der Mitteldeutschen Zeitung (MZ) vom 06.04.2005, 22.08.2012, 17.11.2014, 09.02.2017 sowie einen Bericht des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) vom 20.07.2020 genutzt.



1 Kommentar:

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