4. Oktober 2022

Grenzübergangsstelle mit Wachturm - Lost Place mit Geschichte


(Update 04.10.2022, 20:00 Uhr)
Am 32. Tag der Deutschen Einheit im Jahr 2022 hab ich die ehemalige Grenzübergangsstelle der DDR zwischen Thüringen und Hessen besucht. Auch wenn sie zwischenzeitlich mal eine Nutzung als Raststätte hatte, so ist sie heute größtenteils wieder ein Lost Place.




Es war zu Zeiten der DDR übrigens die einzige Grenzübergangsstelle für den Transitverkehr zwischen dem heutigen Freistaat Thüringen und dem Land Hessen. Der Grenzübergang hieß damals Wartha - Herleshausen. Und es war einer der seltenen Punkte, wo der Straßenverkehr die innerdeutsche Grenze passieren konnte. Man gelangte hier vom thüringischen Wartha ins hessische Herleshausen - oder eben umgekehrt. Auf hessischer Seite gab es auch einen Kontrollpunkt der westdeutschen Grenzer, welcher aber mittlerweile abgerissen ist.

Den Grenzpunkt gibt es seit 1946, als sich die Amerikaner mit den Sowjets auf diesen Punkt einigten. Eigentlich sollte hier nur Bahnverkehr abgefertigt werden. Ab 1952 wurde aber auch Straßenverkehr im Transit parallel zur Bahnlinie abgefertigt und ab 1973 auch der sogenannte "kleine Grenzverkehr".

Im Jahre 1981 wurde an dieser Stelle der DDR-Agent Günter Karl Heinz Guillaume ausgetauscht. Er war Offizier der Stasi und als Agent im Bundeskanzleramt tätig. Er wurde nach seinem Austausch in der DDR als Kundschafter des Friedens gefeiert und geehrt. Sogar einen Ehren-Doktortitel der Rechtswissenschaft wurde ihm verliehen. Er war damals übrigens nicht allein als Spion im Westen - seine Ehefrau war mit von der Partie. Allerdings erfolgte nach Rückkehr in die DDR die Scheidung. Er heiratete erneut - ebenfalls innerhalb des Ministeriums für Staatssicherheit - und trug fortan den Namen Bröhl.

Das größte Gebäude auf dem Gelände ist das ehemalige Stabsgebäude der hier damals angesiedelten Einheiten bezüglich des Grenzschutzes der DDR. Es gab hier wohl Einheiten der SIK (Sicherungskompanie), PKE (Pass- und Kontrolleinheit) und des MfS (Ministerium für Staatssicherheit) in Grenzeruniform. Auch Zoll und Sowjetarmee waren mit "an Bord". Im Keller befand sich wohl die Führungsstelle für die Grenzübergangsstelle. Mit Auflösung der Grenztruppen entstand dann hier 1990 die Kommandostelle der Grenzübergangsstelle. Und an dieser Stelle geht erstmal ein Dank an Herrn Schmidt raus - einen Facebook-User, der mich bezüglich des korrekten Namens des Gebäudes sowie der dort ansässigen Einheiten aufgeschlaut hat. Im Netz hatte ich nur eher dürftige Infos gefunden und wenn man sich mit dem damaligen Militär nicht so wirklich auskennt, ist sowas auch nicht ganz einfach zu recherchieren.

Heute gehört das Areal mit dem ehemaligen Stabsgebäude zu einer Raststätten-Anlage. Dazu wurde es nach der Wende  umfunktioniert. Bis vor ein paar Jahren liefen die Geschäfte, aber dann wurden die Öffnungszeiten gekürzt und letztlich die Raststätte aus technischen Gründen geschlossen. Ob es daran liegt, dass in geringer Entfernung eine neuere Raststätte ist oder ob es im alten DDR-Gebäude tatsächlich technische Probleme gibt, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich bin an diesem historischen Punkt ganz gern eingekehrt. Hier wurde zuletzt recht leckere Hausmannskost zu einem fairen Preis angeboten. Heute ist das Areal um das Gebäude verwaist und der Parkplatz fast leer. Eine kaputte Bank und ein abgestelltes Auto sowie etwas Absperrband deuten darauf hin, dass hier schon ne Weile nichts mehr los ist. Einzig der Briefkasten scheint noch in Betrieb zu sein.





Aber als Ort der Erinnerung ist das Areal schon spannend. So sind fast alle Gebäude noch erhalten. Leider sind die Gebäude auch alle gesichert, so dass man nur Blicke hinein werfen kann, aber nicht rein kommt. Gerade das ehemalige Stabsgebäude wäre sicherlich mal interessant zu erkunden. Die unteren Etagen kenne ich von früheren Raststättenbesuchen, aber die oberen Etagen eben nicht. Unten in der ehemaligen Raststätte sieht es aus, als ob man sie noch nicht ganz aufgegeben hätte. Inventar und Geschirr sind noch vorhanden.

Ansonsten stehen auf dem Gelände noch Flachbauten. Einer war nach der Wende mal ein Beate Uhse Shop, der dann letztlich aber wohl auch nicht mehr die Strahlkraft in Richtung der Fernfahrer hatte, so dass er geschlossen wurde. Weitere Gebäude im hinteren Teil des Areals sind vernagelt und man erkennt nicht mehr, was es mal war. Die Lichtmasten der ehemaligen Grenzanlage sind ebenfalls noch vorhanden - allerdings spenden sie kein Licht mehr.


Ein Stück entfernt - außerhalb des Raststättengeländes - befindet sich auch noch ein DDR-Grenzturm. Man kann direkt bis zum Turm von einer anderen Stelle aus gehen und auch die Türe steht offen. Die Leitern sind noch drin und wenn man sich trauen würde, könnte man bis oben hoch klettern und die Aussicht aufs ehemalige Grenzgebiet genießen. Ich hab mich nicht getraut - hab es da nicht so mit klettern und schon gar nicht mit seit 32 Jahren ungenutzten Metall-Leitern.

Wer Lust auf einen Rundgang um das Gebäude des K-GÜST und zum Grenzturm hat, den nehme ich gern im Video mit:


Alles in allem ein spannendes Areal mit viel Geschichte, welches zu erkunden lohnt. Allerdings solltet ihr nicht hungrig sein und auch nicht auf Toilette müssen. Denn zur Zeit gibt es hier nur FastFood mit Anstehen und DIXI-Toiletten. Wenn sich da nichts ändert, wird bald das ganze Areal komplett zum Lost Place.


2 Kommentare:

  1. Klingt ja wirklich nach einem sehr spannendem Areal und auch so nochmal in die Geschichte einzutauchen finde ich sowieso super interessant. Danke für den Tipp – ist abgespeichert :-)

    Liebe Grüße und hab ein tolles Wochenende,
    Elisa

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  2. Ein Glück, dass es die Geschichte gut mit uns meinte und diese Grenzposten nicht mehr nötig wurden! Ich bin so froh, in einem vereinten Deutschland weiter groß geworden zu sein, ich war 11, als die Mauer fiel und kann mich deshalb noch gut an die Zeit davor erinnern! Trotzdem spannend, mal einen Blick auf diese Anlagen zu werfen! Hier ging ja glücklicherweise alles zivilisiert zu, nicht mit Selbstschussanlagen wie anderswo!

    LG Jana

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