24. Januar 2023

Möbel(h)aus - Lost Place

Das ehemals größte Möbel-Imperium Ostdeutschlands hatte sein riesiges Flaggschiff - das Möbelhaus der Möbelwelt Zick - in Sachsen. Dieses einst moderne Möbelhaus steht nun seit fast 20 Jahren leer, verfällt und ist demoliert. Aus der goldenen Zukunft wurde hier eine düsterer Schandfleck. Kommt mit in einen klassischen Nachwende-Lost Place und erkundet mit mir seine Geschichte. 




Wer sich in der Szene der Lost Places, die Urbexer sozusagen, etwas auskennt, hat es vielleicht gar nicht geschafft bis hier zu lesen... Vielleicht vorher schon rausgeklickt, weil was soll es schon noch Spannendes zu diesem überaus bekannten Lost Place geben. Hier war ja auch schon fast jeder Urbexer der Szene zu Besuch. Der Bekannteste unter ihnen dürfte Fritz Meinecke gewesen sein (Clip Deutschlands vergessene Orte - 3 Tage Tour).

Das Haus ist seit Jahren abgerockt und bietet nichts Findbares mehr beim Erkunden. Ich selber hab das Haus schon ne ganze Weile im Auge und lese aufmerksam die Berichte der Besucher dieses Lost Places. Der Zustand muss in letzter Zeit nochmal schlimmer geworden sein. Alles zerschlagen und nur noch Müll drin - so liest man immer wieder. Doch mich reizt ja nicht das Finden von Zurückgelassenem, sondern die Geschichte, die ich Euch weiter unten erzähle - und wie immer natürlich auch das Gefühl am verlorenen Ort des Geschehens - einfach die Vorstellung, wie es wohl mal ausgesehen hat.

Und so bot sich eine Fahrt in Richtung Südsachsen an, den nur wenige Kilometer von der Autobahn entfernten Ort des ehemals größten Möbel-Imperiums Ostdeutschlands aufzusuchen. Das Wetter hätte besser sein können, denn Schneefall und eisiger Wind machten nicht grad viel Lust auf eine Außenerkundung.

Also rein in die alte Halle und dort etwas umgesehen. Tatsächlich ist hier sehr viel Zerstörung zu erkennen. Alles zerschlagen und selbst durch zwei Stellen an der Decke tanzten die Schneeflocken auf den Boden, wo damals schöne neue Möbel zum Verkauf standen.

Die Rolltreppe sah so demoliert aus, dass ich mich da gar nicht hochgetraut habe. Ich hab dann die normale Treppe in Form einer Stahlkonstruktion genutzt - die sah noch recht vertrauenswürdig aus.

Die drei Etagen unterscheiden sich wenig. Überall schaut man ins Dunkel und erkennt nur an den stets wechselnden Bodenbelägen und manchmal an Markierungen, dass hier mal ne Möbelausstellung war.

Der Zugang zum Lost Place ist derzeit grad denkbar einfach. Das Gelände ist komplett ungesichert. Und es gibt nicht einmal ein Hinweisschild - also kein Betretungsverbot. Vermutlich treibt sich dort dann auch genügend Schmutz rum, der eben alles kaputt gemacht, was man irgendwie zerschlagen kann. Man erkennt noch, dass das Gebäude mal zugemauert war - WAR wohl gemerkt!




Aber nun mal zur Geschichte dieses Hauses - das ist schon interessant, wie das damals alles seinen Anfang nahm und wo es dann letztlich leider endete:

1990 - Das Zick-Imperium entsteht

In Sachsen entsteht der größte Möbeleinzelhändler in Ostdeutschland nach der Wende. Der Unternehmer Ulrich Zick aus Schwaben kam im September 1990 in die neuen Bundesländer und baute die Möbelwelt Zick auf und wurde so im Osten zum Marktführer. Noch im gleichen Jahr wird die erste Polsterwelt in den Hallen einer ehemaligen LPG eröffnet - am Standort wo später das Möbelhaus stehen sollte.

Die Geschäfte liefen super! Immerhin gab es in der ehemaligen DDR nicht viel Auswahl an Möbeln und nach der Wende hatten viele Bürger der Ostzone den Anblick der Einheitsmöbelei satt und gierten nach modernen neuen Möbeln, welche jetzt endlich und in unendlicher Auswahl erhältlich waren. Neben Autohäusern waren Möbelhäuser vermutlich ebenfalls eine Goldgrube und die Ostdeutschen trugen gern ihre neue D-Mark dahin, um ihre Gäste nicht länger auf der DAGMAR schlafen zu lassen oder den neuen Fernseher nicht wieder in die CARAT-Schrankwand stellen zu müssen.

Im Laufe der Jahre umfasste die Möbelkette Zick 15 Einzelfirmen. Davon an 7 Standorten eine Möbelwelt, an 10 Standorten eine Polsterwelt und an sogar 51 Standorten eine Küchenwelt. Weitere Betätigungsfelder in Sachen Einrichtung gab es mit der Fliesenwelt, der Bäderwelt, der Elektrowelt und der Bürowelt. Insgesamt umfasste das Imperium irgendwann 100 Geschäfte mit Hauptsitz in Sachsen und Filialen in Berlin, Brandenburg, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern.

Der Jahresumsatz belief sich durchschnittlich auf 170 Millionen Euro und bis zu 1250 Mitarbeitende wurden beschäftigt.

1997 - Das größte Möbelhaus in Sachsen

Im Jahr 1997 war es dann soweit. Das Flaggschiff des Imperiums öffnete seine Pforten. Auf 18.000 Quadratmetern verteilt auf 3 Etagen wurde das moderne Möbelhaus der Möbelwelt Zick eröffnet. Und zwar da wo alles begann. Allerdings gehörte Zick die Immobilie nicht. Es war ein Projekt der E+P Immobilien-Beteiligungsgesellschaft mbH aus Köln und Zick war nur Mieter.

1998 - Der Boom ist zu Ende

Lange währte das gute Geschäft mit den Möbeln aus dem Westen aber nicht. Irgendwann waren auch die letzten ostdeutschen 4 Wände neu eingerichtet und der Markt gesättigt. Am 10. September 1998 stellte die Möbelwelt Zick einen Antrag auf Gesamtvollstreckung, was so viel wie Insolvenz bedeutet. Wie sich später herausstellen sollte, hatte man mit diesem Antrag etwas zu lange gewartet. Unter dem Aktenzeichen Az: 531 N 1707/98 wurde die Abwicklung bei Gericht behandelt. Indes zog nach der Pleite von Zick hier die brandenburgische Kette Mega-Möbel ein und versuchte nun am bekannten Möbelverkaufsstandort ihr Glück.

2002 - Die Folgen der Zick-Insolvenz

Die Insolvenz der Möbelwelt Zick hatte sowohl für den Inhaber als auch für die Kunden weitreichende Folgen. Ulrich Zick wurde im Frühjahr  des Jahres 2002 vom Dresdener Landgericht wegen Gesamtvollstreckungsverschleppung und Untreue in zehn Fällen  (rund 920.000 Euro) zu zwei Jahren Haft verurteilt. Auch seine beiden Söhne hingen mit drin und wurden im November 2022 wegen Beihilfe zur Untreue ebenfalls zu 15 und 7 Monaten Haft verurteilt. Etwa 7500 Kunden verloren teilweise ihre bereits geleisteten Anzahlungen auf bestellte Möbel. Oftmals handelte es sich um mehrere tausend Euro. Insgesamt verloren die Kunden 25 Millionen Euro.

2003 - nächste Pleite - Mega-Möbel

Auch die Firma Mega-Möbel, welche in das Möbelwelt-Haus gezogen war, meldete Insolvenz an. Und so schloss das Haus zum zweiten Male in Folge seine Pforten. Bis 2004 wurden hier noch Versteigerungen durchgeführt, bevor dann endgültig die Lichter ausgingen.

2009 - Wiederbelebung als Party-Location?

Viele Jahre nach der Insolvenz und der Beräumung dieses großen Möbelhauses fand sich keine wirkliche Nutzung. 2009 sollte sich das ändern. Mit der Eventserie MegaFIESTA sollte wieder Stimmung in die Halle kommen. "Feiert auf 3 Etagen mit mehreren Tausend Partygästen..." war in der Ankündigung auf dresdennightlife.de zu lesen. Es gab sogar eine StudiVZ-Gruppe zur neuen Location und der Eventserie. Aber irgendwie wurde dann plötzlich nix draus. Der Eigentümer der Halle untersagte derlei Events, da der Brandschutz nicht einzuhalten sei.

2011 - Jahre nach der Insolvenz...

Im Jahr 2011 dann der nächste Skandal. Das damals aus der Insolvenz herausgelöste Verwaltungsgebäude (ehemals Küche, Saal und Verwaltung der LPG), welches Zick zurückerhielt, wurde ziemlich unaufgeräumt verlassen. Jedenfalls befanden sich darin haufenweise Unterlagen mit sensiblen Kunden-, Mitarbeiter- und Lieferantendaten. Kontoverbindungen, Geburtstagslisten und sogar Blankobriefbögen von Anwälten sollen hier rumgelegen haben. Das rief den Landesdatenschutzbeauftragten auf den Plan.

2011 - Benzingeruch statt Möbelduft?

Der Sohn der Autorennfahrerlegende Ulli Melkus, Ronny Melkus, hatte sich das Areal der ehemaligen Möbelwelt Zick angeschaut und konnte sich gut vorstellen, hier eine Karthalle zu eröffnen. Auch mit dem Käufer des Areals habe er schon gesprochen. Melkus jr. kennt sich mit dem Thema Kart schon aus, denn er betrieb schon eine Kart-Bahn in der Windbergarena in Freital, welche aber im September 2011 wegen geplantem Abriss durch die Stadt Freital geschlossen wurde. Fünf Jahre fuhren damals dort die Karts und so war es nur logisch, dass Melkus gern eine Nachfolgebahn finden wollte. Aber daraus wurde am Standort der ehemaligen Möbelwelt Zick nichts. Auf meine Anfrage bei Ronny Melkus, weshalb nix draus geworden ist, teilte dieser mit, dass die Bürger dagegen gewesen seien.

2012 - nichts als Ärger und Ängste

Die Halle steht noch immer leer. Nachts werden hier auf drei Etagen illegal Partys gefeiert. Alles wird rausgeschleppt. Scheiben werden zerschlagen. Rolltreppe und Fahrstuhl sind völlig demoliert. Die Anwohner haben Angst vor einem Großbrand und davor, dass ihren Kinder hier was passieren könnte. Grund: Das Gelände ist ungesichert und sich völlig selbst überlassen. Die Gemeinde stellte eine Frist an die Eigentümerfirma zur Sicherung - wohl mit Erfolg. Im Mai 2012 wird das Erdgeschoss zugemauert.

2013 - Zwangsversteigerung

Das einstige Zick-Areal kam wohl bei einer Zwangsversteigerung unter den Hammer und wurde von einer in Leipzig ansässigen Immobilienfirma erworben. Der Name der Firma ist i-pro CKB Chemnitz GmbH. In der Sächsischen Zeitung war aber zu lesen, dass i-pro mehrere hunderttausend Euro an die bisherige Eigentümerin, die E+P Immobilien-Beteiligungsgesellschaft mbH aus Köln gezahlt hätte. Man wolle vermieten und nicht weiterverkaufen. Handelseinrichtungen, Lagermöglichkeiten, Werkstätten, eine Gaststätte, Ateliers für Künstler... das alles konnte man sich bei der i-pro vorstellen.

Damit die künftigen Interessenten nicht abgeschreckt werden, hatte man wohl erstmal 20 Container Schutt abfahren müssen.

2013 - Sportsitze statt neuer Sofas

Am 3. Oktober 2013 fand in der Halle der ehemaligen Möbelwelt die XS Daylight 2013 - ein Automobil-Tuningtreffen - statt. Hier konnten sich 400 Autos präsentieren, wo damals nur Sofas und sonstige Möbel standen. In der Szene fand dieses Treffen einen riesigen Anklang und so war nach den vielen Jahren endlich mal wieder Leben in der Bude. Auch der Parkplatz ums Möbelhaus war voller getunter Autos - ein riesiges Event, welches bei Teilnehmenden und Besuchern guten Anklang fand. Danke an dieser Stelle an Patrick für den Hinweis auf dieses Event, welches ich vorher noch gar nicht beim Recherchieren entdeckt hatte.

2015 - Abriss für Schulneubau

Im Dezember 2015 schrieb die Sächsische Zeitung "Zick-Halle soll abgerissen werden". Die Gemeinde will nämlich hier einen neuen Schulkomplex bauen und somit der Bildung etwas Gutes tun und gleichzeitig den Schandfleck loswerden. Jedenfalls war man mit der Leipziger Firma i-pro im Gespräch über die Schulpläne.

2020 - Die Mauer ist gefallen!

Im Februar 2020 wird im sozialen Netzwerk heiß spekuliert - über Bauaktivitäten auf dem Gelände. Ein Minibagger soll gesichtet worden sein.

Doch gebaut wurde hier nicht. Einbrecher haben wohl die Mauer, mit der das Erdgeschoss gesichert wurde, eingerissen. Die Eigentümerfirma hat sich darüber lt. einem Zeitungsbericht "riesig geärgert". Aufgebaut wurde die Mauer aber auch bloß nicht wieder. Und so steht das ehemalige Möbelhaus seitdem wieder völlig ungesichert da. Nicht einmal ein Hinweisschild auf ein eventuelles Betretungsverbot existiert. Einzig die vorderen Zufahrten sind seit 2013 mit Betonteilen und einer Schranke blockiert. Den Reifenkreiseln im Schnee nach zu urteilen, hat man wohl aber mindestens eine Zufahrt vergessen. Und... die neue Schule inklusive Sportplatz und Turnhalle steht direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite. Da wurde wohl nix mit dem Plan, die Möbelwelt für den Schulneubau dem Erdboden gleich zu machen.

... und wie weiter?

Ideen gab es ja wohl einige für die Nachnutzung der riesigen Halle... doch wie wir heute sehen: NIX ist aus all den Ideen geworden.

Das Gebäude ist so abgerockt, da ist wirklich nur noch Schutt zu finden. Zumindest stinkt es nicht und das Dach ist noch halbwegs dicht und auch die Treppe und die Decken sind stabil. Graffiti, wie man sie ja oft in diesen Lost Places findet gibt es - aber künstlerisch eher keine Highlights.



Kommt gern mit auf einen Rundgang per Video durch dieses Mahnmal zu Aufstieg und Fall der Nachwendezeit:


Es gibt neben dem Gebäude vermutlich noch weitere Spots. Vielleicht ist da auch das ehemalige Verwaltungsgebäude, welches früher die LPG-Kantine war, noch dabei. Auch ein Geocache liegt hinten im Außenbereich. Aber das Wetter war echt gruselig. Also ging es nach der Innenerkundung direkt wieder zum Auto (Danke an den Erfinder der Sitz- und Lenkradheizung). Vielleicht komm ich nochmal wieder und erkunde auch den Rest. Vielleicht ist aber auch jemand schneller und führt das Areal endlich wieder einer sinnvollen Nutzung zu... wünschenswert wäre es ja. Gebt gern in den Kommentaren Bescheid, wenn ihr was erfahrt.


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Zum Thema Lost Places allgemein...

Das Interesse: Mich interessieren stets in erster Linie die Geschichten zu den Objekten. Deshalb ist mir der Zustand des Spots relativ egal. Auswahlkriterium ist immer, dass es historisch dazu was geben muss. Was war es einmal? Warum ist der Spot ein Lost Place? Was passiert damit vielleicht in Zukunft?

Der Codex: Es gibt unter den Urbexern einen Codex: Was zu ist, bleibt zu. Nimm nichts mit außer Fotos oder Videos. Hinterlasse nichts außer Deinen Fußspuren. Daran halte ich mich auch strikt.

Der Ort: Wo genau sich ein Spot befindet, wird meist nicht veröffentlicht. Es sei denn, es handelt sich um einen allgemein bekannten Ort - der auch außerhalb der Urbexer-Szene schon bekannt ist oder der auf GoogleMaps bezeichnet ist.

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