13. März 2024

Wandern in Thüringen - Jagdanlage Rieseneck

Im Saale-Holzland-Kreis in Thüringen befindet sich die einzige vollständig erhaltene barocke Jagdanlage Europas. Erkunden kann man diese bei einer relativ einfachen Wanderung. Ich war unterwegs zwischen Herzogstuhl und Rieseneck.


Im südlichen Saaletal direkt an der Saale gelegen befindet sich ein spannendes Wandergebiet, die ehemalige Jagdanlage Rieseneck und der Herzogstuhl. Gestartet bin ich mit der Wanderung zum Herzogstuhl.

Das Auto hab ich an der Landstraße zwischen Freienorla und Hummelshain abgestellt. Man kann aber auch die Runde anders laufen und den offiziellen ausgeschilderten Wanderparkplatz nutzen.

Es ging zu Beginn der Wanderung erstmal gemächlich los, später aber dann doch recht steil bergauf. Gemütlich läuft man von der Straße unten bis zum Herzogstuhl etwa 15 Minuten - aber wie gesagt, die Steigung ist nicht zu verachten.

Am Herzogstuhl angekommen, staunt man erstmal nicht schlecht über diesen Fachwerkturm mitten im Wald. Ein doch etwas kurios anmutendes Bauwerk. Und auch die Geschichte des Hauses ist kurios. 1915 ließ der Herzog Ernst II. von Sachsen-Altenburg dieses Bauwerk errichten - als sein ganz privates Lustschlösschen - so sagt man zumindest. Und es soll sogar eine Geheimtür gegeben haben, damit die Geliebte schnell flüchten konnte, falls die Ehefrau auftauchte.


Währen des zweiten Weltkrieges nutzten das Gebäude Angehörige der Wehrmacht als Versteck. Nach dem Krieg wurde es von einem Schuhfabrikanten und einer Gewerkschaft besiedelt. Dann 1954 ging es ins Volkseigentum über und wurde dem damaligen VEB Cals Zeiss Jena übereignet. Im Jahr 1992 wurde es dann von der Gemeinde gekauft und dem Verein Freundeskreis Rieseneck e. V. zur Nutzung und Erhaltung übergeben. Eine Sanierung erfolgte dann bis zum Jahr 2000. Zu besichtigen ist das Haus Herzogstuhl dennoch nicht für die Öffentlichkeit. Allerdings ist die kleine Holztoilette am Turm offen - nur das Papier ist selbst mitzubringen.

Vom Herzogstuhl ging die Wanderung nun weiter in Richtung der Jagdanlage Rieseneck. Der Fußweg dorthin beträgt etwa 10 bis 15 Minuten und ist meist ebenerdig - also ein gemütlicher Spaziergang auf einem breiten Waldweg.

Angekommen an der alten Jagdanlage war ich erstmal überrascht, welche Dimension diese doch hat. Und auch darüber, wie gut sie erhalten bzw. restauriert wurde. Die einzelnen Schießhäuser sind teils durch Tunnel miteinander verbunden - sogenannte Pirschgänge. Erstmal fragt man sich, wie diese Jagdanlage wohl funktionierte. Aber etwas Nachlesen brachte dann Erhellung. Man hat auf dem doch recht großen Areal wohl mittels Fütterung Wild auf den Wildacker gelockt und dieses dann von den Schießhütten aus erlegt. Um von einer Hütte zur anderen zu gelangen nutzte man die unterirdischen Gänge, um sich anzupirschen - daher der Name Pirschgang. 





Die Jagdanlage ist heute die einzige noch vollständig erhaltene barocke Jagdanlage in Europa. Auf Infotafeln von ThüringenForst kann man die Geschichte der Jagd von gestern und heute nachlesen und erfährt auch viel Wissenswertes über die Anlage. Zum Beispiel, dass diese in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts errichtet wurde und erst später die Pirschgänge mit Stein ausgebaut wurden. Als um 1831 in der Umgebung ein großes Wildgehege angelegt wurde und die herrschaftliche Jagd sich dann dorthin verlagerte, verlor die Jagdanlage an Bedeutung und verfiel. Grund für das Anlegen des Geheges war, dass es in der Region zu einer Wildplage kam, da nur in der Jagdanlage gejagt wurde, nicht aber in der freien Wildbahn ringherum. Erst 1987 nahm sich der damals gegründete Freundeskreis Rieseneck dem Erhalt der bis dahin wohl erheblich verfallenen Jagdanlage an. Zusammen mit der Thüringer Landesforstverwaltung stellte man den zustand vom Zeitraum 1712 - 1727 wieder her. Die Anlage steht heute unter Denkmalschutz.


Von dem  Areal der Jagd an sich ging die Wanderung dann weiter zum Grünen Haus. Es wurde als Jagdhaus im Jahre 1927 erbaut und war eine Art Schlechtwetterunterkunft und Speisesaal der Herzöge. Es beherbergt wohl eine Küche, Schlafzimmer sowie Wohnraum. Zu besichtigen war es leider nicht.


Auf dem Areal befinden sich noch weitere Gebäude. Ein ehemaliger Pferdestall, die Remise, ein Wildbretkeller sowie ein zu DDR-Zeiten erst errichtetes Brunnenhaus. Leider sind die Gebäude nicht beschriftet.


Ich vermute, es ist der Wildbretkeller mit Trockenboden, wo die Tür offen stand und wir hinein gegangen sind. Erst als wir drinnen waren, bemerkten wird "dunkle Dinge" an der Decke. Es waren zum einen Metallhaken, aber die schwaren unregelmäßig von der Decke hängenden Teile erkannten wir erst auf den zweiten Blick: schlafende Fledermäuse. Das veranlasste uns dann auch, das Gebäude schnell wieder zu verlassen - immerhin will man ja die putzen Tierchen nicht zu früh aufwecken. Eine spätere Recherche ergab, dass es sich hier um 3 Pärchen der Kleinen Hufeisennase handelte. Zu sehen sind die schlafenden Tierchen auch im Video - die Kamera lief ohnehin und so sind sie mit abgefilmt.



Das ganze Video von der Wanderung gibt es hier:


Vom Gründen Haus ging es dann zurück in Richtung Parkplatz. Der Weg war zwar breit, aber teilweise wegen Schlamm und Wasser gar nicht begehbar, so dass man auf den Waldrand ausweichen musste. Es ist auf jeden Fall empfohlen, hier festes Schuhwerk zu tragen und vielleicht auch nicht die besten Schuhe anzuziehen.

Da wir auf einer Infotafel an der Jagdanlage wussten, dass die jagenden Herrschaften damals im Neuen Schloss Hummelshain beheimatet waren, fuhren wir dort auch noch vorbei. Und ich kann Euch sagen, auch dieser Weg lohnt! Eine wahnsinnig tolles Schloss, welches von einem Förderverein gerade saniert wird. Es gibt auch an wenigen Tagen im Jahr Führungen - die Termine stehen an einer Tafel am Schloss. Wer dennoch einen Blick hineinwerfen möchte, für den stehen QR-Codes bereit, welche auf das Bautagebuch verweisen. Seit 2018 gibt es hier Einträge und Bilder zum Sanierungsfortschritt.


Hinter dem Schloss befindet sich noch die Bronze-Skulptur "Hirschgruppe" mit ihrer ebenfalls interessanten Geschichte. Diese ist auf einer Tafel nachzulesen.


Fazit: Eine richtig tolle, kurzweilige und relativ leichte Wanderung für die ganze Familie (sofern die trittsicher und gut zu Fuß ist - für Kinderwagen und Rollatoren absolut ungeeignet). Die Geschichte der Anlagen ist total interessant und die Restaurierung bemerkenswert. Eigentlich mit relativ wenig Erwartung losgewandert und letztlich total begeistert gewesen vom Ausflug - und das alles für 0 Eintritt!

Ich würde hier gern die Websites der Vereine, die sich um den Erhalt und die Restaurierung der Anlagen kümmern, verlinken. Aber die Links, die ich gefunden habe, führen alle ins Leere. Bei meinen Recherchen hab ich folgende Vereine finden können:

Interessensgemeinschaft "Rieseneck - Grünes Haus e. V."
Freundeskreis Rieseneck e. V.

Falls jemand Hinweise zur Erreichbarkeit geben kann, bitte gern in die Kommentare schreiben!

Zum Schloss Hummelshain gibt es ebenfalls einen Förderverein und dort funktioniert auch die Website.

Förderverein Schloss Hummelshain e. V. - LINK

Wie immer - hier noch ein paar Koordinaten fürs Navi oder einfach um die Wege und Lagen mal nachzuvollziehen:

Parken an der Landstraße: GoogleMaps

Standort Herzogstuhl: GoogleMaps

Standort Jagdanlage Rieseneck: GoogleMaps

Standort Grünes Haus: GoogleMaps

Parken Neues Schloss Hummeslhain: GoogleMaps

Standort Neues Schloss Hummelshain: GoogleMaps





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